Interview: Die Chancen der Digitalisierung

Martin Krüger, geschäftsführender Gesellschafter des medienzentrum süd, nennt Möglichkeiten und Herausforderungen des Medienwandels.

Von Thomas Bollwerk

Mut zu Versuch, Irrtum, Ausdauer. Wenn es um die Veränderungen der Medienbranche durch die Digitalisierung geht, hat Martin Krüger viele Erfahrungen gemacht: Für den Verlag M. DuMont Schauberg (heute: Mediengruppe DuMont) war er sowohl in Positionen im Verlag als auch für die Radiobeteiligungen verantwortlich, bevor er 2004 die Druckerei übernahm, deren Wertschöpfunkskette er seitdem kontinuierlich erweitert.

Martin Krüger ist im Gespräch mit „Marketing im Rheinland“ ebenso optimistisch wie selbstkritisch.

Herr Krüger, als Sie die Druckerei vor 13 Jahren erworben haben, stand der große Medienwandel erst noch bevor. Wenn Sie könnten: Würden Sie die Zeit gerne zurückdrehen?

Martin Krüger: Als ich den für mich neuen Weg damals eingeschlagen habe, haben mir eigentlich alle davon abgeraten. Bereits seit den 90er Jahren gingen zahlreiche Druckereien in die Insolvenz, wurden verkauft oder wurden durch Fusionen wie beispielsweise die von Bauer, Springer und Bertelsmann kostenseitig optimiert. Aber auch da konnte niemand ahnen, wie stark die Erlöse zurückgehen werden. Auch ich habe 2004 unterschätzt, wie schnell sich Plattformen entwickeln, auf denen dann Druckprodukte massenhaft gekauft werden. Wir haben uns aber sehr schnell darauf eingestellt, dass wir Kunden gewinnen müssen, die Beratung zur Erstellung eines Druckerzeugnisses benötigen und wertschätzen und einen wiederkehrenden Bedarf an einem verlässlichen Partner haben, der kurze Produktionszeiten garantieren kann. Und: Wir haben unsere Wertschöpfungskette von der grafische Entwicklung über Kommunikationskonzepte bis zur Logistik erweitert.

War das aus heutiger Sicht Fluch oder eher Segen?

Martin Krüger
Martin Krüger (Bild: Medienzentrum Süd)

Wer den Wandel nicht mitmachen will, sollte besser nicht in dieser Branche tätig sein. Wir haben nicht nur den Workflow optimiert sondern auch die Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeiter gestärkt und neue Mitarbeiter für die Entwicklung neuer Produkte gewonnen. Es war aber auch wichtig, den langjährigen Druckerei-Mitarbeitern zu vermitteln, dass die neuen Kolleginnen und Kollegen dazu beitragen, in sämtlichen Bereichen profitabel und Hand in Hand zu arbeiten. Dazu braucht es schon auch einen langen Atem, wenn Sie nicht wie Teile der Start-up-Branche das Geschäft im schnellen Ausstieg suchen.

Welche Produkte sind neu entstanden?

Zusammengefasst: Nicht das Aufspringen auf den jeweils neuesten technischen Trend, sondern die stimige Integration z.B. einer 3D-Animation und eines Erklärvideos in einen bestehenden Web-Auftritt, das ist die Neuerung.

Wie hat sich der Workflow bei den Druckerzeugnissen verändert?

Der Prozess beginnt jetzt idealerweise mit der Erstellung der Datei und endet wenn man wie wir die technischen Möglichkeiten hat, bei der Logistik. Und das alles unter einem Dach. So lässt sich der Prozess nicht nur besser überwachen sondern auch steuern: Informationen, die für die Produktion wichtig sind, können nun direkt in den Produktionsworkflow eingesteuert werden, wodurch sich die Maschienenlaufzeiten drastisch verkürzen und die Produktionsprozesse vereinfachen, standardisieren und teilweise automatisieren lassen. Die dafür nötigen Investitionen zahlen sich für uns wie für unsere Kunden aus.

Welche Auswirkung hat diese Entwicklung auf Ihre Mitarbeitergewinnung?

Im Druckbereich werden einige Berufe einfach nicht mehr ausgebildet. Im Bereich der Druckvorstufe sind das zum Beispiel Scanneroperator bzw. Bildbearbeiter. Zum einen liegen Bilddaten zunehmend digital vor, zum anderen geht durch die inflationäre Nutzung von Bildern, das Verständnis für ein gutes Bild offenbar und zunehmend verloren. Herausragende Produkte wie Bücher aus renommierten Verlagshäusern sind da die Ausnahme. Auch der Buchdrucker stirbt aus und es wird zunehmend schwieriger, dort Personal zu finden. Da müssen wir neues Personal durch internen Wissenstranfer qualifizieren.

Ein anderer Aspekt ist: Wir haben gegenüber größeren Unternehmen die bereits an Hochschulen nach qualifiziertem Personal suchen aber auch Vorteile: Es hat sich auch durch unsere eigenen Mitarbeiter in der Branche herumgesprochen, dass wir grundsätzlich unbefristete Stellen anbieten. Und wir bieten eine Gesundheitszusatzversicherung, in der unsere Mitarbeiter zum Beispiel IGEL-Leistungen kostenfrei annehmen können. So verschaffen wir uns eine Sonderstellung gegenüber anderen Agenturen und Unternehmen und sichern eine geringe Fluktuation. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass in einigen Jahren unsere Mitarbeiter nicht alle die gleichen Arbeitszeiten und Arbeitsorte (Stichwort Homeoffice) haben. Der eine möchte vielleicht nur 25 Stunden arbeiten, weil er nebenbei noch eine wissenschaftliche Arbeit abschließen will. Auch da sind wir offen.

Sie engagieren sich auch als Business-Angel. Was hat Sie bei dem Start-up froker.me überzeugt?

Aus meinem Netzwerk wurden der damals 19-Jährige Simon Puch und 21-jährige Tobias Göhring auf mich aufmerksam, weil sie wussten, dass wir hier auch die Möglichkeit des Digitaldrucks haben. Die Geschäftsidee war, den Studierenden werbefinanzierte Skripte zur Verfügung zu stellen. Dafür hat man einen Partner gesucht, der nicht nur eine Produktionsstätte hat, sondern auch bereit ist, an der Idee mitzuarbeiten. Wir haben dann mit Lutz Glandt einen weiteren Partner eingebunden, der mit Stationen bei der WAZ-Gruppe und der Deutschen Post über ein respektables Netzwerk zu potenziellen Investoren verfügt. Uns fasziniert u.a. zuzusehen, wie sich die Lernkurve der Gründer entwickelt. Und: Auch die Zusammenarbeit der agilen Jungunternehmer mit unseren Mitarbeitern im Digitaldruck befruchtet sich gegenseitig. Für mich steht weniger der monetäre Profit im Vordergrund, als der Zugewinn an frischen Ideen.

Wie entwickelt sich froker.me aktuell?

Am Anfang inserierten mehrere Werbepartner mittels klassicher Anzeigen in einem Skript. Um die Intensität der Anzeigen zu erhöhen, änderten wir das Modell. Wichtig ist, jedes Skript wird vom Studenten individuell konfiguriert und somit nur einmal gedruckt. In unserem neuen Modell wird das gesamte Skript nun exklusiv von einem Werbepartner gesponsert. Das Skript wird dann für zum Beispiel ca. 10 € an die Werbekunden verkauft. Wenn die Werbepartner die Zielgruppe der Studierenden jetzt weiter spezifizieren möchten, zum Beispiel nur männliche Studierende der Wirtschaftswissenschaften aus Köln/Bonn, ist das möglich und schafft weitere Erlöse für froker.me. Das haben wir vor ca. zwei Monaten umgestellt und stellen fest, dass sich die Vermarktung erheblich verbessert. Und auch die Produktion ist dadurch einfacher, weil eine komplizierte Anzeigenplatzierung innerhalb des Skriptes entfällt.

Herr Krüger, herzlichen Dank für das Gespräch!